Geschichte wird erst dann lebendig, wenn man sie vor Ort einatmet und mit der Gegenwart verknüpft. Genau das erlebte die 10. Klasse mit ihrer Klassenleiterin Frau Reding-Schauster bei einer besonderen Exkursion an der Mosel, die von Martina Christmann Kreisjugendpflegerin bei der Kreisverwaltung Cochem-Zell) perfekt organisiert worden war. Per Bus ging es von der Schule in Treis direkt hinein in die bewegende Vergangenheit und lebendige Kultur zweier Nachbarorte.

Erste Station: Beilstein. Das sonst so malerische „Dornröschen der Mosel“ zeigte sich von einer tiefgründigen Seite. Die Schülerinnen und Schüler besuchten die Ehemalige Synagoge und tauchten ein in das einstige jüdische Leben in Beilstein, das über Jahrhunderte fest im Ort verwurzelt war.

Während der Führung lernten die Jugendlichen ein ganz besonderes architektonisches Erbe kennen, das es heute im Ort leider nicht mehr gibt: die historischen Klappdächer (Sukkot-Dächer). Da die eng bebauten Fachwerkhäuser kaum Platz für Höfe oder Gärten boten, erfanden die Beilsteiner Juden einst eine hochkreative Lösung, um das Gebot des herbstlichen Laubhüttenfestes (Sukkot) zu erfüllen. Sie versahen ihre Schieferdächer mit einer Mechanik, um Teile davon aufzuklappen. So konnte man im Dachgeschoss direkt unter freiem Himmel sitzen. Im Laufe von Modernisierungen nach dem Krieg verschwanden diese architektonischen Schätze jedoch vollständig aus dem Ortsbild. Spannend waren auch die Einblicke in die jüdische Alltagskultur: Während des Rundgangs wurde der Klasse ausführlich erklärt, was koscheres Essen und koscherer Wein bedeuten und welche strengen religiösen Reinheits- und Speisegebote dahinterstecken.

Ein steiler Fußweg führte die Klasse anschließend hinauf zum jüdischen Friedhof. Der mitten im Wald gelegene, historische Begräbnisplatz hinterließ bei allen einen ehrfürchtigen Eindruck. Hier lernten die Jugendlichen ein wichtiges Ritual kennen: die kleinen Steine, die auf den Grabsteinen abgelegt werden. Im Judentum sind sie ein Zeichen des Gedenkens und des Respekts. Anders als Blumen vergehen Steine nicht – sie symbolisieren die Ewigkeit der Seele und zeigen, dass die Verstorbenen nicht vergessen sind.

Danach setzte der Bus die Fahrt fort nach Bruttig-Fankel. Hier wartete ein weiteres, beeindruckendes Zeugnis: die dortige ehemalige Synagoge. Dass dieses Gebäude heute überhaupt noch steht, grenzt an ein Wunder der Geschichte. Weil die jüdischen Einwohner den Ort noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verließen, wurde das Gebäude damals verkauft. Da es sich somit offiziell nicht mehr im jüdischen Besitz befand, entging es der Zerstörung in der verheerenden Reichspogromnacht. Später wurde das historische Bauwerk durch einen engagierten Förderverein vor dem Verfall gerettet. Besonders faszinierend für die Zehntklässler war das seltene, im Keller erhaltene rituelle Badebecken (Mikwe). Heute wird das Haus wieder mit Leben gefüllt und für viele verschiedene kulturelle Veranstaltungen genutzt – ganz im Sinne des griechischen Ursprungswortes Synagoge, das übersetzt schlicht „Versammlung“ oder „Haus der Begegnung“ bedeutet.

Das absolute Highlight des Tages war jedoch die menschliche Begegnung vor Ort, die eine Brücke in die heutige Zeit schlug: Die Klasse kam zu einem Gespräch mit David Rosenberg zusammen. Er besuchte die Klasse als ehrenamtlicher Referent im Rahmen des bundesweiten Projekts „Meet a Jew“, einer Initiative des Zentralrats der Juden in Deutschland. Nach dem Motto „Miteinander statt übereinander reden“ engagieren sich dort Jüdinnen und Juden, um den Alltag ihres Glaubens nahbar zu machen.

Mit seiner unglaublich herzlichen und offenen Art schaffte David Rosenberg es sofort, die Jugendlichen zu fesseln. Es war kein trockener Geschichtsvortrag, sondern ein lebendiger Austausch auf Augenhöhe über das moderne jüdische Leben in Deutschland. Dabei beantwortete er alle Fragen der Schülerinnen und Schüler vollkommen offen, ehrlich und ohne Berührungsängste, was bei den Jugendlichen sichtlich Eindruck hinterließ.

Nach einem intensiven, lehrreichen und emotionalen Vormittag rollte der Bus schließlich wieder zurück zur Schule nach Treis. Im Gepäck: Jede Menge neue Erkenntnisse, Respekt vor der Geschichte der Region und die Gewissheit, dass Erinnerungsarbeit und Vorurteilsprävention durch solche echten Begegnungen unvergesslich werden.